Sonntag, 17. Dezember 2017

Route 66

Mit ihren drei Brüdern und ihrem Vater ist Mike aufgewachsen. Die Mutter hat die Familie verlassen als Mike noch ein kleines Mädchen war. Am liebsten repariert Mike Autos und Motorräder in der Werkstatt ihres Vaters. Bis eines Tages ein Fremder nach Kingman an der Route 66 kommt. Damian nimmt einen Aushilfsjob in Jacks Werkstatt an. Mike fühlt sich sofort zu ihm hingezogen, doch Damian scheint nicht darauf aus zu sein, nähere Bekanntschaften zu schließen. Ist er auch nicht, bis er bemerkt, dass es sich bei der burschikosen Mike doch um eine junge Frau handelt, die sich bei genauerem Hinschauen als sehr attraktiv entpuppt.

Die junge Mike ist eigentlich nicht unzufrieden mit ihrem Leben, die Harleys sind ihre Leidenschaft und in der Werkstatt ist ihr Platz. Sie möchte noch einen Abschluss an der Uni machen und vielleicht einen eigenes Geschäft eröffnen. Aber Kingman, Arizona, ist ihre Heimat, da will sie sein. Allerdings bringt Damien, der während einer Auszeit die ganze Route befahren möchte, Mikes Welt doch durcheinander. Von einem Missverständnis zum nächsten, scheint Mike und Damian keine Annäherung zu geben. Wenn da nicht Mike ein kleines Teufelchen reiten würde als sie sich Damian als Begleitung zur Hochzeit ihrer Cousine wünschen würde. 

Sympathisch sind Mike und Damian, die sich so unvermutet treffen und nicht planen, eine engere Beziehung einzugehen. Mike, die unter Männern groß geworden ist und ihre Weiblichkeit erst entdecken muss, und Damian, der Abstand gewinnen möchte und sich deshalb auf die Route 66 begeben hat. Zwar wirken einige Darstellungen etwas überzeichnet, doch insgesamt überzeugt dieses unkonventionelle Paar mit liebenswertem Charakter. Gemeinsam, aber auch jeder für sich, haben sie ein paar Fährnisse zu überstehen. Dabei machen sie eine Entwicklung durch, die sie reifen lässt und wie es sich bei einem Liebesroman gehört, steht irgendwann einem schönen und gefühlvollen Happyend nichts mehr entgegen. Ein Highlight ist natürlich auch das Setting, Orte, die man wieder erkennt und die Urlaubserinnerungen wecken. 


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Mike von Sylvia Pranga
ISBN: 978-3-8644-3735-9


Samstag, 16. Dezember 2017

Heile Welt

Detective Sam Porter will ihn fassen. Der Killer hat bereits mehrere Menschen verstümmelt und getötet. Die Polizei konnte nie viel über ihn herausfinden und in allen bisherigen Fällen wurden die Opfer zunächst entführt und konnten nur zu spät gefunden werden. Doch nun gibt es ein neues Opfer, Emory, die Tochter eines Immobilienmoguls, ist verschwunden. Ein Mann, der ein Päckchen aufgeben wollte, wird von einem Lkw erfasst und stirbt. Das Päckchen ist an Porter adressiert. War es etwa der gesuchte Serienmörder, der da umgekommen ist. Dann könnte es möglicherweise Hoffnung für Emory geben, wenn sie nur schnellstmöglich gefunden wird.

Der Killer, der seine Taten den bekannten drei Affen „Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ und dem weniger bekannten vierten Affen nachempfindet und der deshalb Fourth Monkey Killer genannt wird. Welche Beweggründe kann ein so grausamer Killer haben? Wonach sucht er seine Opfer aus, die von außen völlig zufällig gewählt erscheinen. Will er Rache, will er jemanden bestrafen oder geht es um die reine Grausamkeit eines kranken Gehirns? Porter und seine Kollegen finden keinen rechten Ansatzpunkt und ihnen läuft die Zeit davon. Sie müssen Emory schnellstens finden und der Täter ist vermutlich tot und kann nicht mehr verraten, wo er das junge Mädchen versteckt hat.

Aus Sicht der verschiedenen Ermittler und aus dem Blickwinkel des Killers werden die verschiedenen Handlungsstränge erzählt. Kurze Kapitel mit schnellen Szenenwechseln machen die Lektüre zu einer Achterbahnfahrt. Geschickt wird die Anspannung immer weiter vergrößert bis man die Seiten kaum noch schnell genug umblättern kann, um herauszufinden, ob Emory noch eine Chance hat. Dabei schont der Autor weder die Ermittler, noch das Opfer und auch der Leser muss einiges aushalten können. Wie in der Beschreibung zum Buch erwähnt wird, hat der Autor bereits einen Horror-Roman geschrieben, was man auch seinem ersten Thriller anmerkt. Da werden einige Tötungen oder Misshandlungen sehr plakativ beschrieben, so dass man kaum umhin kommt, sich die Szenen vorzustellen. Das kann schon etwas belasten. 


Ein packender Thriller mit gewissen Grausamkeitselementen, dessen Lektüre man sich zutrauen muss oder sollte.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The Fourth Monkey von JD Barker
ISBN: 978-3-7645-0624-7





Freitag, 15. Dezember 2017

Tirols Ausverkauf

Oberstleutnant Valerie Mauser soll eigentlich eine Therapie machen, eigentlich müsste sie nach den überstandenen Katastrophen relativ glücklich sein. Sie hat ihre komische Familie und keine Arbeit im Moment. Da ihr Dezernat aber arg geschrumpft ist, darf sie dann doch in dem Mordfall auf der Alm ermitteln. Eine junge Aushilfskellnerin wurde tot aufgefunden. Keiner ist bereit, etwas Sachdienliches auszusagen. Dass der Landeshauptmann einen Streit mit der jungen Frau hatte, scheint eine erste heiße Spur zu sein. Bevor Valerie Mauser jedoch richtig einsteigen kann, wird erstmal wieder aufs Abstellgleis geschoben und der Kollege Geyer bringt alles durcheinander. Das geht so natürlich nicht.

Bereits zum vierten Mal bündeln Stolwerks Veilchen und Valeries Seelenmensch ihre Kräfte und wieder stoßen sie auf eine Sache, die ziemlich groß zu sein scheint. Denn es gab ein Treffen auf der Alm, ein Treffen der Reichen, der Schönen und des Geldadels. Was gab es dort in der Tiroler Provinz zu verhandeln? Unverhofft betritt auch Valeries Mutter die Bühne des Geschehens. Will sie sich bei ihrer Tochter einschmeicheln? Für Valerie schwer zu ertragen, dass sie ihre gerade wiedergefundene Tochter Luna so gut mit der Oma versteht. Und Mamas neuer Freund? Er schwafelt von Immobilien und dem großen Geld. Hoffentlich sind Luna und ihr Verlobter schlau und schätzen den Wert ihres Hofes als Heimstatt, indem sie ihn behalten.

Mit Valerie Veilchen Mauser, der einzigen Kommissarin mit einem blonden Afro, kann man einfach nichts falsch machen. Sie und ihr Seelenmensch Stolwerk sind ein tolles Ermittlerteam, von dem man gerne immer wieder liest. Mal um Mal schlittert sie in Fälle, die es in sich haben. Kompliziert und einfach zugleich. Logisch und doch überraschend. Daneben die Verbindung Veilchens zu ihrer unkonventionellen Familie, die sich weiterentwickelt und auch dann mit neuen Facetten aufwartet, wenn man eigentlich meint, da könne nicht mehr viel kommen.


Diese Krimireihe macht Freude und hat wirklich jede Aufmerksamkeit verdient. Da könnte doch glatt mal ein Regisseur die Kamera befehlen und neben dem Alpenpanorama auch Veilchens Welt einfangen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Veilchens Rausch von Joe Fischler
ISBN: 978-3-7099-7889-4


Donnerstag, 14. Dezember 2017

Wenn einer fällt

Kann es Zufall sein, wenn aus einer Klinik innerhalb kurzer Zeit zwei Ärzte verschwinden? Als einer von ihnen, Thomas Hoffman, tot aufgefunden wird, offensichtlich zuvor gefangen gehalten und gequält, laufen fieberhafte Ermittlungen an. Die Psychiaterin Nathalie Svensson und ihr Team werden in den Norden Schwedens gerufen. Nathalie  kommt das nicht völlig ungelegen, denn in der Nähe wohnt auch ihre Schwester. Unangenehm empfindet sie allerdings, dass ausgerechnet ihre Schwester die Letzte gewesen zu sein scheint, die einen der Ärzte lebend gesehen hat. Doch der örtliche Leiter der Ermittlungen ist davon nicht beeindruckt, in dieser einsamen Gegend kennt jeder jeden. Auch er selbst ist mit einem der Ärzte befreundet.

Bei „Dominotod“ handelt es sich um den zweiten Krimi um Nathalie Svensson. Zwar gibt es Rückbezüge auf den ersten Band, die Lektüre ist aber für das Verständnis des vorliegendes Krimis nicht notwendig. Die sympathischen Ermittler machen sich mit viel Energie auf die Suche nach dem vermissten Eric, sie hoffen, dass er ebenso gefangen gehalten wird wie der Tote und es noch eine Chance gibt, ihn lebend zu finden. Es gibt keine offensichtlichen Verbindungen zwischen den Ärzten, keine Freundschaften oder Feindschaften, die sich sofort auftun. Die Kriminalisten tappen im Dunkeln. Erst als Nathalies Schwester ihre vorherige Aussage präzisiert, ergibt sich ein vage Spur. 


Die Zusammenarbeit von Nathalie, ihren Leuten und der örtlichen Polizei wird gut und authentisch dargestellt. Die Ermittler haben ein echtes Leben, schöne Momente und Sorgen. Nathalies Beziehung zu ihrer Schwester, wird im Laufe der Nachforschungen enger. Johan kümmert sich liebevoll um seine kleine Familie. Es entwickelt sich ein verzwickter Fall, in dem Zusammenhänge langsam zutage treten, die allerdings zunächst ein schlüssiges Bild ergeben wollen. Leise, aber stetig graben die Ermittler jede noch so kleine Spur hervor und versuchen die Einzelteile zusammenzusetzen. Je enger sich die Schlinge um den Täter zusammenzieht, desto spannender wird es, den Fall zu verfolgen. Zwar wirkt der Handlungsstrang um den Täter fast wie nachträglich eingefügt, jedoch wirkt dieses kleine Manko bei dem packenden Finale eher nebensächlich.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Dominotod von Jonas Moström
ISBN: 978-3-8437-1593-5


Dienstag, 12. Dezember 2017

Unser Europa

Unser Europa ist (noch) ein schöner Ort, des freien Handels, der offenen Grenzen und hoffentlich auch der offenen Köpfe. 

In diesem Buch haben Kinder und Jugendliche ihre Gedanken zu Europa in Texten und Gedichten ausgedrückt. Allein oder in kleinen Gruppen schreiben sie über ihr Wissen von Europa, über ihre Wünsche an Europa, ihre Sorge um Europa, ihr Vertrauen in Europa, ihre Träume, ihre Ideen von einer Zukunft für Europa. Sie leben in Europa, in Indien, Afrika oder anderen Ländern. Sie leben nicht immer in ihrem Geburtsland. Sie haben begriffen, dass die Einrichtung Europa nicht die Schlechteste genauer gesagt sogar eine sehr gute ist. 

Weiter so im positiven Sinne, kann man die Texte rufen hören. Aber auch die Unsicherheit in dieser aktuellen Phase, die hoffentlich eine Phase bleibt, klingt durch. Wenn auch mitunter von Sorge umhaucht, sind die meisten Aufsätze und Gedichte optimistisch. Schöne Gedanken um und über ein schönes Europa. 

Mit Interesse, manchmal einem leichten Lächeln und häufig mit bewunderndem Erstaunen über das Wissen, welches zusammengetragen wurde, kann man auch die Berichte aus fernen Ländern lesen. 


Eine tolle Idee, diese Beiträge von Kindern und Jugendlichen zu Europa und der Idee Europas zu sammeln und in einem Buch zusammenzustellen. Texte, die für junge und ältere Menschen gleichermaßen von Interesse sein können. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die einem selbst einen anderen Blickwinkel auf Europa eröffnen kann.

5 Sterne (🐳🐳🐳🐳🐳)

Du, Ich - Wir sind Europa herausgegeben vom Auswärtigen Amt
ISBN: 978-3-8412-1438-6


Montag, 11. Dezember 2017

Schwelbrand

Nach dem letzten Fall ist Kommissar Huldar in Ungnade gefallen. Seinen Posten als Gruppenleiter hat er verloren, er bekommt nur noch Arbeiten zugewiesen, bei denen er nichts falsch machen kann. Und so soll er ermitteln, was es mit einer Zeitkapsel auf sich hat, die in einer Schule gefunden wurde. Da prophezeit ein Schüler, wer im laufenden Jahr ermordet werden wird. Die spannenderen Fälle hat Kollegin Erla, die seine Stelle übernommen hat. Obwohl, eigentlich ist Huldar froh, mal wieder bei der Psychologin Freyja vorsprechen kann. Ihre leitende Position ist sie zwar los, aber Kindern zu helfen ist immer noch ihr Anliegen. 

In diesem zweiten Fall sind sowohl Kommissar Huldar als auch Freyja vom Geschehen abgeschnitten. Abgehängt und unschädlich gemacht. Sie können froh sein, dass sie überhaupt noch Arbeit haben. Sie sollten sich zurückhalten. Die wichtigen Arbeiten erledigen andere. Langweilig ist das schon für Huldar. Irgendwie muss es doch zu schaffen sein, an interessante Ermittlungen zu kommen. Eher zufällig ist Huldar dabei, wie ein entsetzlicher Fund auf dem Grundstück eines ehemaligen Staatsanwaltes gemacht wird. Huldur setzt alles daran hier am Ball bleiben zu dürfen. Nicht lange dauert es, bis eine erste Leiche gefunden wird, die auf äußerst grausame Art zu Tode gekommen ist. 

Auch wenn Huldar es beim Kennenlernen Freyjas mit der Wahrheit nicht so genau genommen hat, wähnte er sich doch auf einem guten Weg eine Beziehung mit ihr aufzubauen. Nachdem aber beider Karriere den Bach runtergegangen ist, ist es auch mit der trauten Zweisamkeit vorbei. Huldar lässt nichts unversucht, dies wieder zu ändern. Da kommt ihm der Fall mit der Zeitkapsel gerade recht. 

Spannend wie Huldar sich in die Ermittlung einschleicht, um sich wieder eine Position zu verschaffen. Nein, Chef werden will er nicht, das können andere besser. Aber ordentlich ermitteln, runter vom Abstellgleis. Zum Glück ist Huldar ein gewiefter Ermittler, der auch mal quer denkt. Und so macht er sich beinahe unersetzbar. Ganz niedlich ist auch sein Werben um Freyja, die nach langem Fremdeln kurz davor scheint, nachzugeben. Was sich Huldar dann leistet, ist schon etwas unaussprechlich. Typisch, möchte man rufen, gäbe es da nicht noch ein Teufelchen. 


Ein fesselnder Kriminalroman, der mit einem Verwirrspiel verschiedener Spuren und Verdächtiger aufwartet, wodurch der Leser die Möglichkeit hat, den Ermittlern zu folgen, sich mit den Hintergründen des Falles zu beschäftigen und schließlich von der Lösung überrascht zu werden.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sog von Yrsa Sigurdardóttir
ISBN: 978-3-442-75664-3





Sonntag, 10. Dezember 2017

Wiener Untergrund

Auf eine Einladung seines Freundes Harry Lime kommt Rollo Martins ins Wien der ersten Nachkriegsjahre. Als Autor von Western verdient Rollo nicht so besonders gut und deshalb ist er sehr froh über das Angebot. Doch Harry taucht nicht am Flughafen auf. Und auch seine Wohnung scheint verlassen. Entsetzt muss Martins von einem Nachbarn erfahren, dass Harry Lime bei einem Unfall ums Leben gekommen ist und dass gerade seine Beerdigung stattfindet. Auf dem Friedhof trifft Martins auf den britischen Militärpolizisten Calloway. Natürlich stellt Rollo sich die Frage, was dieser auf der Bestattung seines Jugendfreundes zu suchen hat.

Ein Buch zu sehen, sagte der Autor Graham Greene, über sein Werk „Der dritte Mann“. Eigentlich sollte er ein Drehbuch verfassen. Um ein gutes Drehbuch zu erstellen, benötigte er seiner Meinung nach eine ordentliche Grundlage und so verfasste er einen Roman, der zunächst nicht zwingend zur Veröffentlichung bestimmt war. 

Den Film und die wohlbekannte Musik von Anton Karas im Kopf beginnt man zu lesen und vor dem Hintergrund der neuen Information, dass das Buch als Grundlage für den Film diente, für das spätere Drehbuch aber doch einige Änderungen vorgenommen wurden, sucht man nach Unterschieden, aber auch nach Gemeinsamkeiten. Grundsätzlich wird schon dieselbe Geschichte erzählt. Doch wirkt der Film in der Erinnerung, die man bald auffrischen möchte, wesentlich düsterer. Vielleicht weil gerade die beeindruckendsten Szenen, die sich im Gedächtnis festgesetzt haben, die düsteren sind. Obwohl von Schiebereien, gemeinen Verbrechen, Mord und Totschlag erzählt wird, wohnt einzelnen Szenen ein hintersinniger Humor inne, der dem Roman eine nicht so endzeitmäßige Stimmung gibt. 

Die Lektüre der vorliegenden Ausgabe der Büchergilde in einer Neuübersetzung und mit herausragenden Illustrationen versehen, die eine ausgesprochen gute Verbindung zwischen Buch und Film erstellen, ist ein besonderes Erlebnis. Sie verführt zum Eintauchen ins Wien der Nachkriegszeit und zeichnet ein Bild einer schweren Zeit, in der die Menschen durch die Knappheit der Güter verführt wurden, kleine Verbrechen zu begehen. Doch was geschieht mit kleinen Verbrechen, wenn erst die Gier geweckt ist, sie werden zu großen Verbrechen, durch die der Charakter verdorben wird und die Skrupellosigkeit das Menschliche überdeckt. Eine Erfahrung, durch die Rollo Martins seine Freundschaft zu Harry Lime in einem ganz anderen Licht sieht.


In der Zeit des Schenkens bietet dieses Buch eine wunderbare Gelegenheit, einem lieben und interessierten Menschen eine Freude zu machen.

5 Sterne (🐳🐳🐳🐳🐳)

Der dritte Mann von Graham Greene
ISBN: 978-3-86406-076-2


Freitag, 8. Dezember 2017

Lebensweg

Vielleicht hat er sich nicht einmal so geplant, aber er lässt seinen Sohn studieren und gibt ihm damit die Chance über seinen Tellerrand hinweg zu schauen, der Vater von William Stoner. Ein landwirtschaftliches Studium ist angestrebt, damit es der Sohn mal leichter hat auf der Farm. Völlig unerwartet entdeckt Stoner die Liebe zur englischen Literatur und wechselt sein Studienfach. Zwar sind die Eltern enttäuscht, letztlich jedoch akzeptieren sie die Entscheidung ihres Sohnes. Zielstrebig verfolgt William seinen Weg auf dem College. Der erste Weltkrieg im fernen Europa ist weit weg, Stoner geht nicht zur Armee.

Der Lebensweg von William Stoner ist gewöhnlich und ungewöhnlich zugleich. Ein kleines unbedeutendes Leben, Studium, Heirat, Kind, Midlifecrisis, Stagnation und relativ früher Tod. Höhen und Tiefen wirken nicht besonders ausgeprägt. Eine wirkliche Karriere findet nicht statt, Stoner bleibt ein kleiner Professor, eine tolle Ehe gibt es nicht, seine Frau ist seltsam kalt. Eine Liebelei bleibt eine Liebelei, auch wenn Stoner endlich etwas wie echte Gefühle erlebt. Die seltsame Ehefrau entfremdet ihn die Tochter und er findet sich mit seinem Leben ab, das irgendwie so ereignislos erscheint. 


Dieses so dahin gelebte Leben vermag zu fesseln, fast gegen den Willen des Lesers, der sich fragt, wie er diesem Stoner, der so ohne Dynamik, ohne Kraft erscheint, nahekommen soll. In manchem Momenten der Lektüre droht man selbst fast trübsinnig zu werden, alles in Stoners Leben geht irgendwie daneben. Momente, in denen man Kraft und Aufbruch erwartet, münden in Rückzug auf das Altbewährte, im Stillstand. Man mag Stoner, der einmal seiner Neigung zur Literatur folgte, nicht beneiden, wirkt sein Leben schließlich seltsam verfehlt. Man kommt allerdings nicht umhin, über das eigene Leben nachzudenken, hat man selbst mehr Initiative bewiesen, ist man seinen Weg gegangen, oder lebt man selbst ein ähnlich normales ereignisloses Leben wie Stoner, der die Steine nicht Beiseite räumt, die ihm das Schicksal in den Weg legt. Hoffentlich hat Stoner die kleinen Momente des Glücks genossen. Wann wird man selbst ein letztes Mal zu einem Buch greifen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Stoner von John Williams
ISBN: 978-0-099-56154-5


Mittwoch, 6. Dezember 2017

Puppenspieler

Beinahe zehn Jahre sind seit dem Schulabschluss vergangen und auf Vorschlag und Einladung von Bryan trifft sich die Clique wieder. Zwar haben sich manche der alten Freunde und Freundinnen zögerlich auf den Weg gemacht, aber schließlich sind doch alle neugierig und gespannt auf die Wanderung durch die Fjorde Neu Seelands, die Bryan geplant hat. Enthusiastisch machen sie sich auf den Weg: Bryan, Jack, Kain, Adam, Sharon, Callie, Rachel und Erica. Schnell jedoch merken die Freunde, dass die Wanderung viel schwieriger ist als für untrainierte Touristen angenehm. Nicht nur körperlich ausgesprochen anstrengend, auch seelisch wird der Trip zu einer Belastung, da auch alte Geschichten wieder hoch kommen, die längst überwunden geglaubt waren.

Eine kleine Gruppe in der Wildnis angewiesen auf einen Leiter, der sein eigenes Spielchen spielt. Wie lange kann das gut gehen? Es dauert nicht lange, bis den Freunden klarwird, dass dieser Ausflug anders verlaufen wird als erhofft. Wie war das damals mit Liana? Wer hat was gewusst, was hat sie wem gesagt, wie hat sie Menschen gegeneinander ausgespielt? Liana lebt seit eben fast zehn Jahren nicht mehr. Warum hat Bryan die Gruppe wirklich wieder zusammengeführt. 

Bei den Schilderungen der Pfade, die die Gruppe junger Leute eher zwangsweise bewandert, sieht man die rauen Landschaften Neu Seelands geradezu vor sich. Sattes Grün, schroffe Felsen, unwirtliche Wetterbedingungen und dann wieder das Aufblitzen eines Sonnenstrahls, der für Minuten alle Qual vergessen macht. Gelungen ist auch die Schilderung einmal hauptsächlich aus Sicht Callies und einmal aus Sicht der Suchmannschaft, die sich nach einer Weile auf den Weg macht. Zwar sind die Innenschauen der Beteiligten manchmal etwas anstrengend, doch insgesamt ist der Roman, der als erster Band der Wild Crimes Reihe an den Start geht, sehr spannend. Die unterschwelligen Gefühle, Bestrebungen und Schwingungen zwischen den Mitgliedern der Wandergruppe, die sich ungeahnten Gefahren gegenüber sieht, lösen bei der Lektüre Gedankenwirbel aus. Man versucht sich in die Lage der einzelnen Personen hineinzuversetzen. Am ehesten erinnert die Erzählung an eine „Closed Room Geschichte“, da die meisten der Interaktionen auf die kleine Gruppe beschränkt sind. 


Wenn man Storys, die letztlich einen eng umgrenzten Handlungsrahmen haben, mag, wird man von diesem psychologisch raffinierten Thriller sicher mit spannungsreicher Unterhaltung versorgt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Verschollen in der Poison Bay von Belinda Pollard
ISBN: 987-0-9942098-7-0


Dienstag, 5. Dezember 2017

Westfälische Wanderung

Am liebsten wandert Erwin Düsedieker durch Felder und Wiesen seiner Heimat Bramschebeck. Im Schlepptau hat er seine Ente Lothar. Mit Mitte fünfzig lebt Erwin allein in seinem Elternhaus. Die Leute meinen, er sei etwas zurückgeblieben. Von seiner Liebe zu Büchern und seinem vielleicht etwas langsamen aber gründlichen Denkorgan ahnt kaum jemand. Wegen der Behinderung, die ihm nachgesagt wird, konnte er auch seinem inzwischen verstorbenen Vater nicht in den Polizeidienst folgen. Eher glücklich zieht Erwin seine Kreise durch sein Dörfchen und die nähere Umgebung. Gerne kauft er bei Annie ein und ist deshalb sehr betrübt als die alte Dame verstirbt.

Doch sollte er vielleicht noch einen Kriminalfall entdecken und lösen, etwas, das ihm sein Vater nie zugetraut hat. Erwins Streifzüge und Lothars Neugier führen schließlich tatsächlich zu einem Fall, der Erwin das Grausen lehrt. Auf was für eine Spur ist er da nur gekommen. Tief in der Vergangenheit des kleinen Ortes gilt es zu graben. Grabungen, durch die Erwin in große Gefahr gerät. Lothar an seiner Seite mag ihm da tatsächlich mal das Leben retten. 

Schön mit westfälischer Ruhe liest Dietmar Bär aus der Sicht von Erwin Düsedieker. Zwar in der dritten Person geschrieben, lebt dieses Buch von Erwins Schrullen und Eigenheiten, die der Vorleser gekonnt in Töne umzusetzen weiß. Gut kann man sich Erwins Wanderungen vorstellen, immer dabei Lothar, dessen Gedanken immer zu entschlüsseln versucht. Lothar, der schon so manchen geheimnisvollen Gegenstand gefunden hat. Gegenstände, die Erwin in Bewegung setzen, die Erwin so lange nicht stoppen lassen bis das Rätsel gelöst ist. Durch seine Denkarbeit kommt Erwin aus sich selbst heraus auf die Hintergründe. Geschickt nutzt er, dass er von anderen unterschätzt wird und steht schließlich vor Enthüllungen, die er eigentlich lieber für sich behalten würde, die aber einfach an die Öffentlichkeit gehören.


Eine von der Anlage her eher humorvolle Krimireihe, die mit ihrem hier vorliegenden ersten Band jedoch ein sehr ernstes Thema deutlich macht und gerade damit fesselt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Erwin, Mord und Ente von Thomas Krüger
ISBN: 978-3-837-12262-6



Sonntag, 3. Dezember 2017

PADI Dog

Joe Tesla lebt im Untergrund New Yorks, seit er bei einem Überfall eine unbekannte Droge zugeführt bekam, leidet er unter einer extremen Form von Agoraphobie. Eine Heilung scheint es bisher nicht zu geben, obwohl Tesla, ein Computer-Nerd, Programme entwickelt, die zum einem den Fehler im Gehirn suchen sollen und die zum anderen helfen sollen, die Krankheit zu besiegen. Allerdings braucht auch ein Joe Tesla mal ein wenig Entspannung. Und wenn er schon nicht ans Tageslicht kann, so kann ein Ausflug mit seinem kleinen U-Boot eine Alternative sein. Mit Vivien, die als sein Bodyguard fungiert, nimmt er an einem Wettbewerb verschiedener Taucher teil. Es scheint als zöge Tesla Gefahren an, sein kleines U-Boot wird von einem wesentlich größeren Objekt zerstört. Joe und Vivien entkommen mit knapper Not.

Das Setting ist weiterhin ungewöhnlich, Joe Tesla, der gefeierte Jungunternehmer, ist durch einen Zwischenfall in Räumen gefesselt. Und doch gibt er nicht auf, er will seine Situation verbessern. Dabei gerät er hier in seinem vierten Auftritt eher durch Zufall in eine Operation, die geheimnisvoller kaum sein könnte. Wieso sollte ein fremdes und vor allem großes U-Boot auf sein kleines Schiffchen abgesehen haben? Und wenn schon das Ereignis an sich Joes Intelligenz anregt, das Geheimnis zu entschlüsseln, so ist doch seine Sorge um die Menschen in seiner Umgebung und auch um seinen Assistenzhund Edison ein noch viel größerer Ansporn. Hier gilt es etwas unbedingt zu verhindern, um mehr Sicherheit zu gewinnen.


Dieser vierte Band der Joe Tesla Reihe bietet ausgesprochen spannende Unterhaltung. Man mag zwar ein paar Zweifel hegen, ob eine derartige Ausgangssituation in der realen Welt vorkommen kann. Doch losgelöst davon entfaltet sich ein Abenteuerroman, der mitreißt und der einen durch eine schier unglaubliche Geschichte führt, die klug konstruiert und strukturiert ist. Gerade die Begrenzung von Joes Bewegungsrahmen und dessen Versuche, trotzdem zur Rettung seiner Lieben (und dem Rest der Welt) anzutreten, machen einen besonderen Reiz aus, der zum Glück noch immer nicht ausgereizt ist. Ein wenig verwundert es schon, dass diese lesenswerte Reihe nicht übersetzt ist, obwohl die Autorin doch einen gewissen Bekanntheitsgrad hat. Joe Tesla ist ein bemerkenswerter Antiheld, dem hoffentlich noch viele Abenteuer beschieden sein werden.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

The Steel Shark von Rebecca Cantrell
B072M89LLL (Kindle Edition)


Samstag, 2. Dezember 2017

Removals

In dieser Sammlung von Kurzgeschichten gibt es Auftritte von Lord Peter Wimsey, Montague Egg und anderen. Dabei macht sich Lord Peter in gewohnter Manier an die Arbeit und mit seinem scharfen Verstand löst Rätsel, die die Polizei vor Probleme stellen. Montague Egg, mit ähnlich scharfen Verstand ausgestattet, aber weniger bekannt, ist als Handlungsreisender unterwegs. Als solcher kommt er viel rum und in seinem Buch für Handlungsreisende werden viele Tipps gegeben, die helfen die Menschen zu durchschauen. Und so kann er die Menschen einschätzen, die seine Waren kaufen oder auch solche, die ein Verbrechen planen. Manche Geschichten drehen sich einfach nur um sich selbst. Ein geschickt eingefädelter Plot führt nach ein paar Verwicklungen zu einem überraschenden Ende. 

Ein kleines Büchlein aus einem öffentlich Büchertauschregal erneut abgedruckt im Jahr 1980 da kann man eigentlich nicht viel verkehrt machen. Zumal wenn es eine Autorin verfasst hat, deren Geschichten um Lord Peter wohlbekannt und gerne gelesen sind. Das gewisse Flair der Zeit zwischen den Kriegen ansprechend eingefangen. Allerdings sind Kurzgeschichten für mache Leser eine kleine Herausforderung, insbesondere, wenn diese doch lieber die ausgefeilteren und auch langsamer aufgebauten Romane lesen. Dennoch sind einige der hier zusammengestellten Geschichten schnell auf dem Punkt, überraschend und manchmal geradezu fies. 


Liebhaber von Kriminalkurzgeschichten kommen hier sicherlich auf ihre Kosten, andere können wenigstens versuchen, sich auf diese Form einzulassen.


3 Sterne    (🐳🐳🐳)

In the Teeth of the Evidence von Dorothy L. Sayers


Freitag, 1. Dezember 2017

Ich, ein Schläfer

So ungefähr beginnt der Berichterstatter seine Geschichte. Im Jahr 1975 ist er der Adjutant des Generals. Süd-Vietnam ist im Krieg. Der Schutz, den die Amerikaner bieten sollten, ist brüchig. Der General entschließt sich mit seiner Familie zur Flucht und sein getreuer Helfer darf mit. Nicht bekannt ist allerdings, dass es sich bei eben diesem Helfer um einen kommunistischen Spion handelt. Doch ausgestattet mit den notwendigen Mitteln zur Kontaktaufnahme, ergreift dieser die einmalige Gelegenheit, die den General auch in den USA auszuforschen. In einer dramatischen Aktion, die nicht für alle glücklich endet, werden der General und einige seiner Vertrauten aus dem umkämpften Land ausgeflogen.

Dieser Bericht des Spions hat es wirklich in sich. Wie ist das Innenleben eines Menschen, der seine kommunistisch geprägten Werte verbergen muss. Wie schafft er es, in dieser exponierten Stellung nicht aufzufallen. Musste er keine Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen, wie kann er sein wahres ich verbergen. Oder ist er etwa dabei, sein wahres ich zu vergessen. Wird seine westliche Umgebung bestimmend für sein Wesen. Kann er seinen Aufgaben als Spion überhaupt noch gerecht werden. Und wie schnell kann eine hingeworfene Bemerkung ungeahnte Gefahren hervorrufen. Doch ebenso wie in Asien ist er auch in Amerika der Bastard, der mit einem westlichen Vater und einer asiatischen Mutter.

Nicht in einem Rutsch zu lesen ist dieser Roman. Manchmal ausgesprochen mitreißend, manchmal etwas befremdlich. Doch häufig das Gedankenkarussell in Bewegung setzend, wie kann ein Mensch durchs Leben kommen, der zwei Seelen in seiner Brust tragen muss, der nach außen so tun muss, als sei er dem kapitalistischen Westen zugeneigt, während er diesem doch nur Verachtung entgegen bringen kann. Je weiter man liest und erkennt, wieso gewisse Formulierungen und Formatierungen gewählt werden, desto häufiger bedarf es einer Pause, um das Gelesene einordnen und gedanklich und gefühlsmäßig auf ein Level zu bringen, das das Gelesene erträglich werden lässt. Es ist schon harter Tobak, den der Autor bietet. Und die Befürchtung, dass der Autor sich relativ nah an wahre Begebenheiten gehalten haben könnte, macht es nicht einfacher. Wenn man selbst eher unbelastet aufgewachsen ist, fällt es schwer die Erlebnisse des Spions einzuordnen, sie verarbeiten zu können, sie zu verstehen. Da möchten einzelne Passagen wirklich genauestens gelesen werden, da blättert man noch einmal zurück, um jede Nuance mitzubekommen. 


Es bleibt zurück, eine nachdenkliche Leserin, die nie eine solche Erziehung und Formung genießen möchte, wie der Autor sie seinem Sympathisanten angedeihen ließ. Ein Hoch auf die freiheitlich demokratische Grundordnung und die Möglichkeit, das Spionieren grundsätzlich anderen zu überlassen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Der Sympathisant von Viet Thanh Nguyen
ISBN: 978-3-89667-596-5




Montag, 27. November 2017

Echte Freundschaft

Der Autor Tom Boyd hat zwei äußerst erfolgreiche Romane geschrieben. Er ist auf der Höhe seines Schaffens als seine Verlobte sich von ihm trennt. Eine Trennung, die Tom nicht verwindet. Alles, was so schön war, wandelt sich ins Negative. Tom, der Liebling aller, ist plötzlich der, der um sich schlägt, der mit Alkohol und Tabletten erwischt wird. Sein bester Freund und Agent Milo hat dann in der Finanzkrise zu hoch gepokert und das ganze Vermögen der beiden Freunde verloren. Durch einen dummen Zufall wird die Schmuckausgabe vom Toms zweiten Roman nur bis zur Hälfte gedruckt, der Rest der Seiten ist weiß. Tom ist wirklich am Boden. Da steht auf einmal Billie vor seiner Tür, die behauptet, aus seinem Buch gefallen zu sein.

So ein Quatsch, denkt nicht nur Tom. „Und sie fiel..“ so ungefähr genau vor seine Füße. Aber sie ist überzeugend diese Billie, sie kennt die Person aus dem Roman, sie kennt, die kleinen Dinge des Lebens, die nicht im Roman auftauchen. Kann es also sein? Und der Deal ist, wenn Tom ihr hilft ins Buch zurückzukommen, hilft sie ihm die Liebe seiner Ex-Verlobten wieder zu erlangen. Das ist der Deal und der reicht immerhin, um sich von Los Angeles auf den Weg nach Mexico zu machen. 

Ein Buch, das  fasziniert, aber das auch Unglauben auslöst. Man zweifelt, man überlegt, wenn man doch ein so guter Freund ist wie Milo, was hätte man selbst getan. Man kommt auf eine Idee, und man denkt sich, ja wenn es so und so wäre, dann könnte noch viel mehr aus der Geschichte werden. Der Roman zeichnet eine kleine Odyssee nach, auf deren Weg mal viel Mitgefühl für die fein und vielschichtig gezeichneten Charaktere empfindet. Würde nicht immer dieser Unglaube an einem nagen, der Zweifel, die Erwartung, das Tom nach einem bestimmten Ereignis aufwacht und alles war nur der Bewusstlosigkeit geschuldet und seine Situation ist genauso bescheiden wie zuvor. 


Zum guten Schluss entwickelt der Autor einen wirklich raffinierten Dreh, der einen schließlich doch für das Buch einnimmt und einem den Glauben an den Autor und dessen Stärke, tolle Geschichten erfinden zu können, wiedergibt. 

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Das Papiermädchen von Guillaume Musso
ISBN: 978-3-492-97683-7


Samstag, 25. November 2017

Ein Koffer in

Hilla Palm hat es geschafft, sie ist ihrer einfachen Herkunft aus Dondorf entwachsen, sie studiert, sie will ihre Doktorarbeit machen. Das gemeinsame Leben mit ihrem Freund Hugo läuft bestens. Doch dann stirbt Hugo bei einem Unfall und alles, was so hell und sicher schien, ist auf einmal wie ausgelöscht. Nur mühsam kann sich Hilla zurück kämpfen. Sie geht nach Hamburg, weil dort das Thema ihrer Doktorarbeit angenommen wird. Ein neuer Start, ganz neue Einflüsse stürzen auf sie ein. Politische Themen werden Hilla wichtig. Eine Heimat bietet ihr die Kommunistische Partei.

Dieses Hörbuch wird von der Autorin selbst gelesen. Bestens versteht diese es, die Zuhörer in die Welt ihrer Protagonistin zu geleiten. Man leidet mit Hilla als ihr Lebensgefährte stirbt und ihre heile Welt zusammenbricht. Man freut sich an ihrem Aufbruch nach Hamburg, ihrem neuen Start. Man sieht die Hilla aus den vorherigen Bänden aufblitzen, wenn es um den Schwimmkerl geht, der den Leser zum Lachen und Hilla zum Heulen bringt. Man fremdelt etwas mit ihren politischen Ansichten, die man von ihrer Lage aus gesehen, der Suche nach Halt, nach Heimat, doch irgendwie versteht. Siehste, denkt man, wenn ein weiterer Traum zerplatzt und möchte sich diesen Gedanken doch gleich wieder verbieten. Die späten 1960er und die frühen 1970er waren schon eine bewegte Zeit. Hilla, Mitte zwanzig bis um die Dreißig, für einen Menschen häufig eine bewegte Zeit. Hillas bewegte Zeit gibt einen Abriss des Zeitgeschehens und einen Einblick in die Entwicklung und Formung ihrer Persönlichkeit. Schließlich hat Hilla sich ein Stück weit selbst gefunden.


Das gedruckte Buch ist mit über sechshundert Seiten angegeben, diese gekürzte Hörbuchfassung umfasst knapp 4 Stunden und 30 Minuten. Da fehlt also einiges und man beginnt sich während des Hörens zu fragen, ob da nicht doch ein wenig zu viel gekürzt wurde. Denn so schön und authentisch der Vortrag der Autorin ist, das Gehörte wirkt etwas episodenhaft. Ein gelungener Abschluss von Hilla Palms Erzählung über ihre Jugendjahre, lebensvoll, dramatisch, manchmal lustig, manchmal ernüchternd, immer fesselnd.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Wir werden erwartet von Ulla Hahn
ISBN: 978-3-8445-2687-5




Freitag, 24. November 2017

Onkel für Ava Lee

Die Wirtschaftsprüferin Ava Lee lebt zwar in Kanada, ihre Aufträge bekommt sie allerdings von Onkel in Hong Kong. Dieses Mal haben sie es mit einem besonders brisanten Fall zu tun. Kaum daheim angekommen, muss Ava Lee sich auf den Weg nach Asien machen, um gemeinsam mit ihrem Chef und Mentor den Kunden Tommy Ordonez aufzusuchen. Bei diesem handelt es sich zwar um einen Emporkömmling, der allerdings inzwischen so reich und einflussreich ist, dass es am einfachsten ist, seine Wünsche zu erfüllen. Bei einem Grundstücksdeal ist er offensichtlich um ca. 60 Millionen Dollar betrogen worden. Ava Lee soll herausfinden, was geschehen ist und natürlich soll sie das Geld wieder herbeischaffen.

Ava Lee und Onkel, ihr geheimnisvoller Auftraggeber, führen hier ihren zweiten Auftrag aus. Zielstrebig begibt sich Ava Lee auf die Spur des Geldes. Buchprüferin mit Universitätsabschluss, die ihre asiatischen Wurzeln nicht verleugnet und doch stolz ist Kanadierin zu sein, das ist Ava Lee. Familie bedeutet ihr alles und so ist sie bestens geeignet sich in die Welt ihrer Auftraggeber hineinzuversetzen. Familien, die weltweit operieren und doch nach ihren ursprünglichen Traditionen handeln. Ava Lee kann der Spur des Geldes sowohl durch die Bücher folgen als auch die Beweggründe derer nachvollziehen, die das Geld aus den Büchern verschwinden ließen.


Manchmal etwas speziell, aber immer gewitzt, intelligent und clever weckt Ava Lee viele Sympathien. Wenn einem möglicherweise auch einige Charakterzüge der Beteiligten fremd bleiben, schafft es Ava Lee mit ihrer hartnäckigen Art, den Fall zu lösen. Onkel bleibt geheimnisvoll, da die Serie mit diesem zweiten Band erst am Anfang ist, wird es vielleicht künftig noch mehr zu erfahren geben. Hier reist Ava Lee um die Welt, um dem Kunden zu seinem Recht zu verhelfen. Gerne spürt man den Beziehungsströmungen nach und wünscht sich vielleicht ein erläuterndes Wiederlesen mit einigen Personen, deren Bekanntschaft hier nur angerissen wurde.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Der Jünger von Las Vegas von Ian Hamilton
ISBN: 978-3-0369-5617-6


Donnerstag, 23. November 2017

Ugly, der Hund

Dr. Siri kann nicht widerstehen. Er und seine Frau Daeng bekommen einen Folklorerock zugesandt, in dessen Saum ein Finger eingenäht ist. Ein Hilferuf? Ein Mord? Wer sucht nach einem Finger? Zumindest lässt sich feststellen, dass das Kleidungsstück im Norden des Landes hergestellt worden sein muss. Und Dr. Siri, der inzwischen eine ganze Menagerie in seiner Wohngemeinschaft angesammelt hat, angefangen von diversen Geistern bis zu seinem Hund Ugly, möchte diese Gelegenheit nutzen, mit seiner Frau ein paar Tage trauter Zweisamkeit zu genießen. Schwester Dtui möchte indessen herausfinden, ob der Besitzer des Fingers zum Zeitpunkt seines bedauerlichen Verlustes noch lebte oder bereits tot war.

In seinem zehnten Auftritt erfreut Dr. Siri, der inzwischen pensionierte einzige Leichenbeschauer und Gerichtsmediziner in Laos, erneut mit seinem frechen Mundwerk und seinem unvergleichlich scharfen Verstand. Für kurze Zeit kann er mit seiner Frau seinem turbulenten Haushalt entfliehen. Im Jahr 1978 herrscht in Laos die Angst vor einer chinesischen Invasion. Trotzdem machen sich Dr. Siri und Daeng auf den Weg in den Norden. Schließlich gilt es herauszufinden, was es mit dem folkstümlichen Kleidungsstück auf sich hat. An der Art wie der Stoff gewebt ist, kann man erkennen, wer die Weberin ist. Und so können Dr. Siri und Daeng den Spuren der Stoffe folgen. Werden sie es allerdings schaffen des Polizisten Phosys Wege zu kreuzen?


Kurzweilig, witzig und hintersinnig. Diese kleinen Entführungen in ein kommunistisches Land zur Zeit der 1970er haben immer noch nichts von ihrem Reiz verloren. Dr. Siri, der sich von keiner Macht, noch nicht einmal der Weltmacht China, unterkriegen lässt, der solange nachbohrt, bis er zum Kern vorgestoßen ist, ist jemand, den man gerne in sein Lesezimmer einlädt. Wer mit Hilfe des verqueren aber sehr sympathischen Dr. Siri etwas über das Leben in einem fernen Land lernen und gleichzeitig einer spannenden Krimihandlung folgen möchte, kann hier nichts falsch machen.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Six and a half deadly sins von Colin Cotterill
ISBN: 978-1-61695-559-5



Dienstag, 21. November 2017

Hochwasser

Im Juli 1342 herrscht eine Hitzewelle. Frankfurt stöhnt unter der heißen Sonne, alles ist trocken. Philippa, die Tochter des Fährmanns, träumt von einer Zukunft, in der sie unabhängig ist. Doch zunächst mal wird sie mit Albrecht verlobt, den sie schon immer kennt. Viel interessanter ist da doch der geheimnisumwitterte Mathias, der sein Gedächtnis verloren hat und dennoch ein geübter Kämpfer ist. Ihn zieht es nach Frankfurt, wenn er sich auch nicht erinnert, so scheint er doch eine Mission zu haben. Der Kaiser, der in Frankfurt weilt, versucht seine Anschauungen mit denen seiner Feinde zu versöhnen oder in Einklang zu bringen. Fast unbemerkt von den Beteiligten ändert sich das Wetter.

Das Magdalenenhochwasser von 1342 ist belegt als eines der schlimmsten Hochwasser dieser Zeit. Auch heutzutage richtigen Hochwasser immense Schäden an, zerstören Existenzen, bringen großes Leid. Aber dennoch sind wir heute wahrscheinlich besser gewappnet mit Versicherungen, Rettungskräften, vorbeugenden Maßnahmen, Wetterwarnungen, etc. Ungleich schwerer muss es für die Menschen des Mittelalters gewesen sein, so eine Wetterlage durchleben zu müssen. Schließlich kam es wesentlich unerwarteter. Und so war es schwieriger, sich, die Liebsten und das Hab und Gut zu retten. 

In diese Situation schreibt der Autor eine spannende Geschichte um den Kaiser im Kirchenbann, seine engsten Vertrauten, seine möglichen Retter, um Philippa und Mathias und einige weitere Menschen, deren Schicksal durch das Wetterereignis bestimmt wird. Zunächst sorglos ob der Wetterlage, wird den Frankfurtern die Änderung des Wetters in eine bedrohliche Form nur langsam bewusst. Als sie merken, dass es gefährlich wird, ist es schon fast zu spät. Gerade die Beschreibungen des immer schlechter werdenden Wetters und des verheerenden Hochwasser, das dramatische Auswirkungen hat, reißen mit. Besonders wenn man während der Lektüre die Regentropfen auf das Dach plätschern hört, das Wasser in der Regenrinne gluckern, kann man sich sehr gut die Bilder vorstellen, die sich den Menschen damals geboten haben können. 


Die zusätzlichen Informationen, die der Autor zu dem Hochwasser und zum Entstehen seines Romanes gibt, bilden einen besonderen Rahmen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Zorn des Himmels von Richard Dübel
ISBN: 978-3-8383-5841-1


Sonntag, 19. November 2017

Kleiner Schatten

Kleiner Schatten so nannte sie ihr Vater. Helena glaubt, aus dem großen Schatten ihres Vaters heraus getreten zu sein. Ein Irrtum wie sie feststellen muss. Jahrelang lebte sie relativ glücklich und zufrieden mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern. Verschwiegen hat sie allerdings, dass der Vater ihre Mutter entführte als sie kaum ein Teenager war und dass Helena in einer Hütte im Wald geboren wurde. Als Kind hat Helena zu ihrem Vater aufgeschaut. Wenn er sie maßregelte, gab sie sich selbst die Schuld. Doch je älter sie wurde, desto mehr fing sie an zu hinterfragen, ob das teilweise grausame Verhalten wirklich gerechtfertigt ist.

Der Vater ist aus dem Gefängnis ausgebrochen und Helena ist die Einzige, die sich in ihn hinein denken kann, die ihn finden kann. Helena versucht, ihre Familie zu schützen. Alleine macht sie sich auf den Weg. Jeder Schritt wirkt wie ein Schritt in die Vergangenheit. Kann sie den Vater jagen, der einmal ihr Idol, ihr großes Vorbild war? Erinnerungen an ihre Kindheit, an ihre Jugend steigen auf. Eine Zeit, die sie nicht mit liebevollen Eltern erleben durfte, sondern mit einem übergriffigen Vater, der die Mutter klein hält und der eine Tochter nach seinem Frauenbild formen will. 

Wenn man von diesem Vater liest, möchte man mit den Zähnen knirschen. Gleichzeitig denkt man an die kleinen Problemchen, die man mit den eigenen Eltern hatte und ist dankbar, dass man doch größtenteils in behaglicher Geborgenheit aufwachsen durfte. Hoffentlich ist es nur ein perfides Gedankenspiel, das die Autorin darbietet. Hoffentlich gibt es solche Widerlinge nicht. Doch wie schwierig ist es für eine Tochter, die unter einem solchen Einfluss aufgewachsen ist, sich endgültig zu lösen. Schwer verständlich sind manche Gedanken Helenas, gut nachvollziehbar andere. Doch hin und wieder hat man das Gefühl, die Erinnerungen machen einen zu großen Teil der Handlung aus. Der Showdown zwischen Vater und Tochter lässt ein Element einer spannenden Suche vermissen, an der Polizei und Ehemann beteiligt sein sollten. Ein Stück für zwei Personen, eigentlich nur eine Person, da meist darauf verzichtet wird, Reflexionen anderer bekannt zu geben. 


Ein spannender Psychothriller, der zwar einige Wünsche nicht erfüllt, der aber dennoch mitreißt. Gelesen von Julia Nachtmann, die es versteht, den Vater richtig schön unsympathisch wirken zu lassen und die Helenas vielschichtigem Charakter gekonnt Ausdruck verleiht.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Moortochter von Karen Dionne
ISBN: 978-3-8445-2710-0




Samstag, 18. November 2017

Berlin 1934

Gereon Rath bekommt so langsam den Eindruck, dass er der dienstälteste Kommissar bei der Kriminalpolizei ist. Karriere macht man wohl nur noch bei den Politischen. Trotzdem will er die Mordkommission nicht verlassen. Sogar sein ehemaliger Assistent Gräf, der nun bei der Gestapo ist, ist schon Kommissar. Nun hat man die Leiche eines SA-Mannes gefunden und Rath und Gräf müssen zusammenarbeiten. Charlie Rath will indessen wieder arbeiten gehen. Während ihr Pflegesohn Fritz unbedingt zur HJ will, schließlich sind inzwischen alle da. Charlie möchte dies am liebsten verbieten. Gereon dagegen meint, es werde schon nicht so schlimm sein, schließlich sei Hitlers Stern am Sinken.

Ein ungleiches Ermittlerduo sind Rath und Gräf. Während Gereon Rath versucht herauszufinden, wer den Toten so übel zugerichtet hat, scheint Gräf nur das Ziel zu verfolgen, die Schuld den Kommunisten in die Schuhe schieben zu können, die man sowieso auf dem Kieker hat. Schnell lernen die Ermittler, dass der Tote keineswegs so unbescholten war, wie es Gräf gerne hätte. Es gibt Verbindungen zu den ehemaligen Ringvereinen, die eigentlich aufgelöst sein sollten. Indessen versucht Charlie einer alten Bekannten zu helfen, die nach ihrem Bruder sucht. Kein so harmloses Unterfangen wie man denken könnte.

Mehr gegeneinander als miteinander arbeiten Gräf und Rath und dennoch ringen beide um die Lösung des Falles. So aufrecht Rath dabei die ehrliche Polizeiarbeit verfolgt, so geradeaus würde man sich seine Meinung zu der politischen Lage wünschen. Doch er verhält sich eher opportunistisch und bringt seine Frau zu recht gegen sich auf. Natürlich ist es in der Rückschau leicht zu sagen, man hätte das drohende oder eigentlich schon eingetretene Unheil sehen müssen. Doch gerade die heutige Zeit lehrt mal wieder, dass manche Menschen dazu neigen alle positiven Errungenschaften einer Gesellschaft mit Füßen zu treten und andere dann meinen, es könne nicht so arg werden. Allerdings kommt es dann schlimmer. Und so möchte man Gereon Rath nicht zum ersten Mal durchschütteln, um ihm Vernunft und Weitsicht einzugeben. Doch sogar Gereon ist schließlich befremdet und besorgt über die Entwicklung seines Ziehsohnes. Und so wie nach und nach einige Teile der Hintergründe des ersten Mordes zu tage treten, so wird dieser Krimi immer spannender bis zu seinem bedrückenden Finale, das für die Zukunft nichts Gutes erwarten lässt. 


Eine tolle Reihe von Kriminalromanen, die eine Zeit nahebringt, aus der man am besten die Lehre ziehen sollte, dass Demokratie, Toleranz und Freiheit doch sehr erstrebenswert sind. Teile der Reihe wurden inzwischen auch für das Fernsehen verfilmt.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Lunapark von Volker Kutscher
ISBN: 978-3-462-04923-7


Freitag, 17. November 2017

Suses Welt

Mit ihren drei Kindern lebt Suse seit der Trennung von ihrem Mann in einem Berliner Plattenbau. Es reicht nur für zwei Zimmer und mit ihrem Halbtagsjob in einer Drogerie kann Suse sich nur knapp über Wasser halten. Ihre Tochter pubertiert, der Sechsjährige jammert und quengelt, der Kleine weint und schreit. Suse wäre am liebsten weg. Als ihre Tochter ein paar Tage nicht nach hause kommt, meldet Suse sie als vermisst. Kommissar Frei, zugeknöpft und korrekt, und seine Kollegin Louisa Albers, schlaflose Neumutter, haben gerade einen Mordfall gelöst. Sie sollen nun das Verschwinden des Mädchens aufklären. Vermutlich gäbe es Wichtigeres zu tun, doch bald taucht eine Leiche auf, wodurch die Sache in ein anderes Licht gerückt wird,

Obwohl dies erst der erste Fall für Kommissar Henry Frei und sein Team ist, meint man schnell, die Ermittler schon zu kennen. Mal ein Kommissar, dessen Familienleben zwar etwas speziell, aber mal nicht mit Problemen überfrachtet. Mal so normal, seine Kollegin, die kurz nach der Geburt ihres ersten Kindes am Schlafmangel leidet. Der junge Kollege Charlie mit asiatischen Wurzeln, der noch etwas übereifrig dennoch frischen Wind in die Untersuchung bringt. Nach einem schnell gelösten Fall geht es um das Verschwinden eines 14jährigen Mädchens. Dass die Mutter von ihrem Leben als getrennte Mutter überfordert ist, wird schnell klar. Doch wieso weiß sie so wenig vom Umgang ihrer Tochter. 

Warum ist Suse so? In welcher Welt lebt sie eigentlich? Suse hat es nicht so richtig geschafft, sich frei zu schwimmen. In ihrer Art wirkt sie manchmal nicht so sympathisch. Doch niemand sollte es erleiden, nicht zu wissen, was mit dem eigenen Kind geschieht. Nachdem klar ist, dass es sich um eine ernste Sache handelt, ermitteln die Kommissare fieberhaft, was hinter dem Verschwinden der jungen Jacqueline stecken könnte. In kurze Kapitel gefasst und mit etlichen fiesen Cliffhangern versehen, vermag dieser Thriller sehr zu fesseln. Schnell noch ein Kapitel und noch eins, man will wissen wie es weitergeht. Die zwischengeschobenen Intermezzi verstärken die Wirkung noch. Geschickt spielt der Autor mit den Gedanken des Lesers und lockt sie auf Fährten, die sich als unvorhersehbar entpuppen. Am Schluss wird sehr deutlich, dass es sich um eine Reihe handelt, denn, was hinter dem letzten Cliffhanger steckt, wird dann erst im nächsten Band ermittelt. 


Ein spannender und gut strukturierter Thriller, dessen kurze Kapitel der Handlung Geschwindigkeit  verleihen und den Leser verleiten, nur so durch das Buch zu fliegen.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Böses Kind von Martin Krist
ISBN: 978-3-7450-3529-2 (Taschenbuch)


Donnerstag, 16. November 2017

Die Nanny

In Verenas Leben hat sich alles verändert nachdem ihre kleine Nichte Amelie ihre Familie verloren hat. Zwar hat Verena Hofer dadurch ihre Sicherheit eingebüßt, aber nicht kann das Miteinander mit dem kleinen Mädchen aufwiegen. Aus dieser Lage heraus nimmt Verena die Stelle als Nanny des Neffen einer reichen Frau aus Wuthenow in der Nähe von Berlin an. Jedenfalls meint Verena, dass sie als Nanny tätig sein wird. Ihr Erstaunen ist dann nicht ganz gering, als sie bemerkt, dass es sich bei dem zu Betreuenden um einen erwachsenen Mann handelt, der wegen seiner gesundheitlichen Probleme ihre Hilfe braucht. Eigentlich will Verena auf dem Absatz kehrt machen, schließlich aber bleibt sie doch erstmal auf dem Gut.

Verträge sollte man doch genau durchlesen bevor man unterschreibt. Hört man diese Warnung nicht immer wieder? Nun Verena wird nicht die Einzige sein, die jemals auf ihre eigene vorgefassten Eindrücke hereingefallen ist. Ihr Schäfchen Carl von Wuthenow st ein studierter Berater der Polizei, der durch einen Dienstunfall, bei dem er eine Kopfverletzung erlitten hat, Schwierigkeiten mit seinem Kurzzeitgedächtnis hat. Das hält ihn aber nicht davon ab sich mit großer Disziplin den Folgeschäden seiner Verletzung entgegen zu stemmen. Endlich will Carl seine Arbeit wieder aufnehmen und es gibt bereits einen Fall, bei dem die Polizei seine Hilfe in Anspruch nehmen möchte.

Witzig und auch spannend beginnt dieser Roman. Verena ist auch in ihrer finanziellen Notlage nicht auf den Mund gefallen, wenn sie auf sich mit ihrem neuen Schützling auseinandersetzen muss. Und so ergeben pointierte Wortgefechte, die die Lesefreude steigern. Gleichzeitig fesseln die Ermittlungen, die Verena und Carl nach Berlin führen. Über den Tag ist Carls Handicap kaum zu spüren, nur in vereinzelten Situationen ist ihm anzumerken, dass die Verletzung ihn verändert hat. Sein aufrechter Kampf um mehr Gesundheit und gleichzeitig sein Wille, bei der Arbeit wieder voll da zu sein, lassen ihn ebenso sympathisch wirken wie Verena, die sich ohne zu zögern ihrer kleinen Nichte annimmt. Was allerdings angesichts der kurzen Zeit, die in dem größten Teil der Handlung vergeht, und angesichts Carls Krankheit etwas schwer nachempfindbar wirkt, sind die Gefühle von Carl und Verena. Unter diesen besonderen Umständen würde es sicher länger dauern, bis sich etwas entwickelt. Außerdem erscheint Carls Gedächtnisstörung so ungewöhnlich, dass man sich fragt, ob es sich hier um einen dramaturgischen Kniff handelt. Seine Reaktion darauf ist zwar angemessen und logisch, doch irgendwie fühlt man sich an 50 erste Dates erinnert. 


Dennoch löst ein gutes und liebenswertes Team einen Fall, der den Leser in die Abgründe einer menschlichen Seele schauen lässt.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Dunkel Land von Roxann Hill
ISBN: 978-3-959-67716-5


Dienstag, 14. November 2017

Poltown

Eine alte Freundin seiner Eltern ist verstorben und Cal McGill nimmt an der Bestattung teil. Dort hilft er einer alten Frau, die von der Gemeinde seltsam abweisend behandelt wird. Nur wenig später sieht er am Strand eine junge Frau, die aufs Meer hinausblickt. Violet Wells wurde adoptiert, erst jetzt hat sie erfahren, dass sie an einem Krankenhaus ausgesetzt wurde und laut einem anonymen Brief soll ihr Vater einer der angesehensten Bewohner des Ortes Poltown gewesen sein. Violet beginnt mit Nachforschungen, was an dieser Geschichte dran sein könnte. Vorsichtig möchte sie vorgehen, nichts aufrühren, aber dennoch brennt sie darauf, das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften.

Zum zweiten Mal beschäftigt sich der Ozeanograph Cal McGill mit einer Ermittlung nach den Umständen eines Todesfalls. Schon vor sechsundzwanzig Jahren verschwand die junge Frau im Meer. Nur ein Kleid und ihre Tasche wurden am Strand angespült. Die Polizei entschied damals, es könne sich nur um einen Selbstmord gehandelt haben. Auf Fragen jedoch reagieren die Bewohner so zurückhaltend, wenn nicht gar abweisend, dass Cal vermutet, es müsse doch mehr hinter den bekannten Fakten stecken. Seine flüchtige Bekanntschaft mit Violet, die sich nur nach und nach etwas öffnet, bestätigt Cals Gedankengänge.

Ist es möglich, wenn schon so viel Zeit vergangen ist, das Schicksal der verschwundenen Frau aufzuklären? Warum schweigen die Menschen, die sie eigentlich gekannt haben müssten? Hatte sie keine Freunde, die sich um sie gesorgt hätten? Je weniger man erfährt, desto neugieriger wird man. Was ist hinter der Fassade der nichtssagenden Freundlichkeit verborgen? Man möchte nachbohren. Man möchte wissen, wie Anspielungen zu deuten sind. Zwar fehlt etwas die Brisanz eines aktuellen Ereignisses, doch geschickt sind Vergangenheit und Gegenwart verbunden. Bande der Abhängigkeiten, die vor Jahren geknüpft wurden, wirken sich bis zu den heutigen Tagen aus. Welch eine Nachwirkung hat ein vergangenes Ereignis, kann ein Unrecht wieder gut gemacht werden, durch einen Brief, der auch nicht aus den besten Motiven entstanden ist. Vertuschung, Neid und Missgunst, Abhängigkeiten und ungute Beziehungen. Poltown ist ein Ort, an dem man nicht leben möchte, von dem es aber sehr spannend ist zu lesen und wo schließlich  doch alles anders war, als man selbst erraten könnte.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Sea Detective - Der Sog der Tiefe von Mark Douglas-Home
ISBN: 978-3-499-27247-9




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Samstag, 11. November 2017

Häschen

Wozu braucht man eigentlich einen Fallanalytiker aus München? Dort wird doch auch nur mit Wasser gekocht. Adam Danowskis letzter größerer Einsatz ist nun schon eine Weile her und seit dem fischt er eher im Trüben. Sein Glückstagebuch soll Adam eigentlich aufbauen, so recht wirkt das aber nicht. Da könnte doch ein echter Fall eine gute Ablenkung sein. In den Kellern zweier Hamburger Schulen wurden mumifizierte Leichen gefunden, was eine mittelschwere Hysterie unter den Eltern hervorruft und die Schulbehörden besorgt reagieren lässt. Besser wird das Ganze auch dadurch nicht, dass die Kollegin Meta Jurkschat einen der Toten kannte, dieses Wissen aber nicht an die große Glocke hängen möchte.

Zum vierten Mal versucht Kommissar Adam Danowski seiner Hypersensibilität Herr zu werden. Nach seinem letzten Fall ist er der Verrentung wahrscheinlich nur knapp entkommen und es bleibt zu hoffen, dass seine toten Eltern nicht noch irgendwo lauern. Auch wie es mit seiner Ehe steht, ist ihm nicht ganz klar. Immerhin hat er, um während der Arbeitswoche näher an der Arbeit zu sein, eine kleine Wohnung in der Nähe des Reviers bezogen. Schon die erste Vorführung des Münchner Kollegen Martin Gaitner, der etwas sehr kollegial daherkommt, verstimmt Danowski. Die Analysen Gaitners wirken daher geholt und lassen keine Seite klingen. Und so beginnt Adam Danowski gemeinsam mit seinen Kollegen Finzi und Meta, ein wenig auf die Seite zu ermitteln.

Nach seinem Ausflug an die Küste konzentriert sich Danowski diesmal wieder hauptsächlich auf die schöne Hansestadt, die allerdings auch vor Verbrechen und Verbrechern nicht gefeit ist. Das Triumvirat Danowski, Finzi und Jurkschat ist nochmals heimlich unterwegs. Mit Witz, Spürsinn und manchmal auch Geschick fieseln sie die einzelnen Fäden des Falles auseinander. Teilweise haben sie dabei mehr Glück als Verstand, teilweise macht Not auch erfinderisch. Was im Laufe der Nachforschungen an Beweggründen zutage kommt, ist manchmal für den normalen Verstand nicht leicht nachzuvollziehen trifft jedoch ziemlich genau eine aktuell brisante Thematik. 


In diesem vierten Fall laufen Danowski, seine Kollegen und damit auch der Autor zu ausgesprochen guter Form auf. Ein packender Fall mit genau der richtigen Portion drumherum. Davon möchte man mehr.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Neunauge von Till Raether
ISBN: 978-3-499-29149-4


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Freitag, 10. November 2017

Heimatluft

Nach überstandener Krankheit will es Major Paul Eigner etwas ruhiger angehen lassen. Er lässt sich an seinen Heimatort versetzen, um dort die Leitung der kleinen Polizeidienststelle zu übernehmen. Auch will er seine Schwester unterstützen, die sich um den gebrechlichen Vater kümmert. Doch ganz so geruhsam wie erhofft gestaltet sich der neue Lebensabschnitt nicht. Auf einer Wiese werden die Überreste eines längst Verstorbenen gefunden. Für eine archäologischen Fund ist die Leiche allerdings zu jung. Nich lange dauert es und es verdichten sich die Hinweise, dass es sich bei dem Toten um den seit Jahren verschwundenen Dorfpfarrer handeln könnte.

Die Hoffnung, dass Eigner in seinen heimatlichen Gefilden einen Vertrauensvorschuss genießen könnte, zerbirst schnell. Bei seinen Nachforschungen begegnet ihm eine Mauer des Schweigens. Die Dorfbewohner geben vor, nichts weiter über den Pfarrer zu wissen, außer dass er allseits beliebt und umgänglich war. Wer also sollte einen Grund gehabt haben, ihn zu töten? Major Eigner gibt nicht auf, hartnäckig verfolgt er jeden Hinweis. Gleichzeitig will er sich aber auch um seinen alten Vater kümmern. Nach seiner Zeit in Wien fällt es ihn nicht ganz leicht, sich wieder in das Landleben einzufügen.

Erst nach und nach gelingt es, sich in die Handlung hineinzufühlen. Man muss ihn kennenlernen diesen Major Eigner. Ein Weilchen dauert es bis auch dem Major Eigner der Pauli wird. Doch gelingt einem das, hat man einen spannenden und ausgeklügelten Kriminalroman, der einen in eine dörfliche kleine Welt entführt, in der nicht alles so friedlich ist wie es zunächst erscheint. Verschiedenste Spuren gilt es zu verfolgen, die sich häufig als falsche Fährten erweisen, bis schließlich die eine Unerwartete auftaucht, mit der eine sehr überraschende Lösung präsentiert wird.


Zwar wird nicht ganz klar, ob es sich bei diesem Roman um einen Reihenstart oder um einen Einzelband handelt. Für die gute Unterhaltung, die er bietet, ist das auch nicht ganz so wichtig.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Faule Marillen von LIsa Lercher
ISBN: 978-3-7099-3652-8


Mittwoch, 8. November 2017

Wammetsberger

Der Schorsch Wammetsberger war mit seinen Spezis wieder einmal nächtens mit dem Gewehr schauen, ob das Wild durch die Wälder wandert. Dumm nur, dass sie dabei in eine Art Hinterhalt geraten. Eine Schlucht, sozusagen, an deren Ende einer tot ist. Zum Glück keiner der Freunde, aber doch ein Opfer. Das ist etwas schlecht für Schorsch, der in seinem wirklichen Leben als Polizist arbeitet und deshalb nur ungern gegen sich selbst ermitteln möchte. Aber Unsicherheit besteht schon, wessen Kugel da wen getroffen hat. Da beseitigt man am besten gleich noch ein paar verdächtige Kleidungsstücke.

Durch die bayerische Bergwelt stapften Mörder und Opfer. Und die Ermittler wirken in diesem dritten Band um den guten Wammetsberger wie knorrige Urbayern zwischem knorrigem Geäst urbayrischer Bäume. Mit einigem Witz frisst sich Wammetsberger durch die liebevoll derben Köstlichkeiten, die dem gewichtsmäßig aus den Fugen geratenen Dorfpolizisten von seiner Angetrauten kredenzt werden. Vor lauter Appetit kommt da manchmal das Gehirn zum Stillstand und ins Ermitteln greifen die Kollegen ein, die Wammetsberger am liebsten draußen hätte, schließlich gilt es die eigene Rolle im Verborgenen zu halten.

Dem Autoren Hans-Peter Dinesh Bauer liegt das Bayrische im Blut wie er selbst sagt. Und das merkt man seiner Art zu schreiben auch an. Förmlich schwelgt er in Beschreibungen von Landschaft, Leuten und Fressalien. Für den passionierten Krimileser kommen dabei die Fallzusammenhänge und das langsame sich Herantasten an die Lösung etwas kurz. Nach einigen Schmunzlern werden gerade auch für nicht Fleischesser die ausufernden Ergüsse über die kulinarischen Freuden eher anstrengenden und man verliert mitunter auch noch den letzten dünn gesponnenen Krimifaden. Was die Nachforschungen angeht, scheinen die Frauen wie die Stöcki und die Pröll einfach gewitzter zu sein. Leider sind deren Parts ein wenig kurz geraten, obwohl sie als Sympathieträger einen ausgiebigeren Einsatz verdient hätten.


Ein Bayern-Roman, der sich Lesern mit Ortskenntnis  und Kenntnis des Menschenschlages wahrscheinlich wesentlich besser erschließt.

2,5 Sterne (🐳🐳+)

Die schwarze Jagd von Dinesh Bauer
ISBN: 978-3-7099-3807-2